Projektreise 2014

Reisebericht über die Projektreise vom 23.4. - 6.5.2014 zu den Mikrokreditgruppen in Kenia

Von Ulrich Neuber

Dies war nicht meine erste Reise nach Afrika, aber es war meine erste Reise zu den Mikrokredit-Gruppen des Vereins vision:teilen – eine franziskanische Initiative gegen Armut und Not e. V. in Kenia, und sie sollte für mich zu einer besonderen Reise werden. Diesmal war ich nicht als Tourist gekommen, der nur die ausgewählten Schönheiten des Landes besucht, sondern wir sollten auch das andere Gesicht, die Armut und die Nöte Kenias kennenlernen. Zusammen mit Heike Hassel, unserer Projektleiterin für die Mikrokreditgruppe von vision:teilen e.V. wollten wir unsere bestehenden und neuen Mikrokreditgruppen in Kenia besuchen. Später sollten Fr. Eliud und Sr. Carolyn zu uns stoßen und uns bei der Reise an den Lake Victoria begleiten.

Bereits am Flughafen Zürich bei unserem Umstieg in die Maschine nach Nairobi trafen wir zwei Priester des Passionistenordens, die Heike von ihren früheren Reisen sehr gut kannte. Die beiden waren ebenfalls unterwegs in ihre Heimat. Wie sich später herausstellte, war Fr. Leonard einer der Mitgründer der Mikrokreditinitiative in Kenia.

Wir landeten abends in Nairobi, so dass wir von der Millionenmetropole nicht viel zu sehen bekamen. Aber wir spürten schon die Hektik und die Lebhaftigkeit der Stadt. Der Name Nairobi ist eine Verballhornung des Maasai-Ausdrucks Ewaso Nyarobi (Ort des kalten Wassers). In diesem damals sumpfigen Gelände hatten die Maasai ihre Rinderherden getränkt. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Anstelle der langen Schlangen von Rinderherden prägen jetzt lange Autoschlangen, die einen ständigen Stau bilden, das Stadtbild von Nairobi.

Die Fahrt vom Flughafen führte uns nach Karen, einem Außenbezirk von Nairobi, in dem die Luft wesentlich angenehmer und von der Hektik der Stadt nichts zu spüren war. Bei den Passionisten angekommen, wurden wir auf das Herzlichste begrüßt. Ich hatte den Eindruck, dass Heike hier alle bereits kannte und Zuhause ankam. Dieser Eindruck verstärkte sich auf unserer gemeinsamen Reise. Denn überall war Heike wohl bekannt und wurde mit offenen Armen empfangen.

In Nairobi besuchten wird zwei Gruppen in den Slums von Nairobi. Von den Gruppen wurden wir sehr herzlich aufgenommen und es wurde der Verlauf des Projektes besprochen. Auf meine Frage, ob sich durch den Mikrokredit etwas in ihrem Leben positiv verändert habe, wurde uns von mehreren Frauen bestätigt, dass sich die eigene Lebenssituation wesentlich verbessert habe. Sie waren jetzt in der Lage, ihre Kinder besser zu versorgen und Schulgeld zu bezahlen, damit die Kinder die Schule besuchen konnten.

Rosemary, die Chair Lady dieser Gruppe, ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Sie kann mit Reden und Gesten die Menschen begeistern und bewegen. Sie erinnerte mich an eine Anheizerin, aber im positiven Sinne. Durch unsere Kredite wurden nicht nur die Frauen befähigt, einen Betrieb zu führen, sondern auch die älteren, fast schon erwachsenden Kinder konnten sehr häufig in dem Betrieb aushelfen und wurden damit von der Straße geholt. Eine wesentliche Entwicklung hat auch der Treasurer, eines der wenigen männlichen Mitglieder dieser Gruppe, gemacht. Er erzählte Heike, dass er vor Jahren noch mit einem Fahrrad, auf dem eine Kiste befestigt war, unterwegs war. Nun kam er sehr stolz mit einem Motorrad zu unserem Treffen vorgefahren. Die positive Entwicklung durch die Gewährung des Kredits, gepaart mit persönlichem Engagement, war also klar zu erkennen. Der gemeinsame Spaziergang mit der Gruppe durch den Slum von Gataka war sehr beeindruckend und mir wurde wieder mal klar, in welchen hervorragenden Bedingungen wir leben und wie nichtig viele unserer kleinen Sorgen sind, wenn man sie mit den Lebensumständen dieser Menschen vergleicht. Stolz zeigten uns die Kreditnehmerinnen ihren kleinen Gewerbebetrieb, mit dem sie ausreichend Geld verdienen konnten, um sich und ihre Familien zu ernähren und den Kindern eine Schulausbildung zu ermöglichen. Aber nicht nur die eigenen Familien konnten durch den Betrieb versorgt werden – wie im Fall von Miriam, die eine Kantine in Gataka eröffnet hatte und zwischenzeitlich sieben Angestellte beschäftigt, die ebenfalls damit ihren Familien ein auskömmliches Einkommen sichern konnten.

Wir besuchten eine weitere Frauengruppe in dem Stadtteil Kasarani. Es handelte sich hierbei um Frauen, die aus den verschiedenen umliegenden Ländern mit ihren Kindern geflüchtet waren und jetzt versuchten, in Nairobi eine neue Existenz aufzubauen. Alle Frauen waren bereits in einem kleinen Business tätig. Es bestand ein reges Interesse an unserem Mikrokredit und wir baten die Frauen, sich zertifizieren zu lassen und einen entsprechenden Businessplan auszuarbeiten. Wir wurden von der Gruppe mit einem Gebet und einem sehr hübschen Tanz verabschiedet. Es waren sehr beeindruckende Frauen, die ich hier kennengelernt hatte. Leider haben wir später in Deutschland erfahren, dass eine Zertifizierung und die Bildung einer Frauengruppe den Frauen aus politischen Gründen nicht erlaubt wurden. In Afrika haben Asylanten ähnliche Probleme wie bei uns in Europa.

Nach dem Besuch dieser Frauengruppe machten wir uns auf den Weg nach Molo, dem Hauptsitz der Passionisten. Die Fahrt war eines der letzten Abenteuer unserer Zeit. Die Überholmanöver waren zum Teil halsbrecherisch und man konnte klar erkennen, dass Fr. Silvan großes Gottvertrauen hatte. Aber wenn man sich auf die Landschaft konzentrierte, konnte man die Fahrt ohne größere psychische Schäden überstehen. Nach ca. dreieinhalb Stunden Autofahrt erreichten wir Molo und ich lernte dort meine erste Lehmpiste in Kenia kennen. Molo liegt etwa 2.400 m über dem Meeresspiegel und die Luft hier ist sehr klar und angenehm kühl (ca. 18 – 22 °C tagsüber). In dieser Gegend werden von den verschiedenen Kongregationen landwirtschaftliche Betriebe unterhalten. Die angenehme Kühle am Tage hatte aber auch zur Folge, dass es in der Nacht empfindlich kalt wurde und ich mich sehr über den aus Deutschland mitgenommenen Schlafsack freute. Es war ein guter Tipp von Heike. In Molo fand auch ein Fahrerwechsel statt. Wurden wir bisher von Fr. Silvan begleitet, übernahm nun Fr. Eliud, den ich schon aus dem letzten Jahr durch seinen Besuch in Düsseldorf kannte. Mit ihm fuhren wir in Richtung Kisumu am Lake Victoria. Die Fahrt führte uns durch eine Landschaft, die mich sehr stark an das deutsche Mittelgebirge erinnerte. Nur die fremden Baumarten und die Teeplantagen irritierten etwas dieses Bild. Die Straßen waren sehr gut renoviert, aber es fehlten jedoch immer wieder Teilstücke, die die Fahrt stark verlangsamten. Die vermeintlich großen Dörfer oder Städte entpuppten sich meist nur als eine Ansammlung von kleineren Häusern oder Baracken mit jeweils vielen Marktständen und alle Leute schienen sehr emsig zu sein. Als wir in Kisumu das Guesthouse erreichten und aus unserem Fahrzeug ausstiegen, traf uns fast der Schlag. Waren wir noch die angenehmen Temperaturen von 22 °C in Molo gewohnt, wurden wir hier von einer tropisch feuchten Luft mit Temperaturen um die 28 °C empfangen. Das Guesthouse wurde von den Mill-Hill-Brothers geführt. Die beiden älteren Leiter dieses Hauses wirkten auf mich wie ein älteres Ehepaar, das sich schon alles gesagt hat und auch jeder schon im Vorhinein weiß, was der andere sagen wird. Abends haben wir mit Fr. Hans, 86 Jahre alt, sehr interessante, lange und tiefgründige Gespräche geführt.

Auf dem Weg nach Rangala besuchten wir ein Waisenhaus, in dem Kinder im Alter bis zu fünf Jahren aufgenommen werden. Besonders erschreckend und eigentlich unvorstellbar war für mich das Schicksal zweier kleiner Kinder. Ein Kind im Alter von ca. 3-4 Monaten wurde bei einer Affenfamilie gefunden, die das Kind aufgenommen hatte. Ein weiteres Kind wurde einfach am Straßenrand zurück gelassen und von Fremden in das Baby-Home gebracht. Aber alle 48 betreuten Kinder machten auf mich einen ordentlichen und gepflegten Eindruck, ohne zu wissen, wie es im Inneren bei den Kindern ausgesehen hat. Meines Erachtens waren einige Kinder verhaltensgestört, aber nach dem was die einzelnen Kinder in ihrem kurzen Leben bereits erleben mussten, ist dies nicht besonders verwunderlich.

Von Kisumu aus besuchten wir die Rangala-Gruppe. Diese Frauengruppe ist unsere Problemgruppe. Wir konnten bei der Tilgung der Kredite bereits beobachten, dass die Rückzahlungen nicht pünktlich erfolgten. Zu unserem Treffen mit dieser Gruppe kamen auch nur zwei Damen. Es stellte sich heraus, dass die Gruppe als solches nicht mehr existent war. Einige Damen hatten nur ihr Geld genommen und nichts zurückgezahlt, noch hatten sie einen Betrieb eröffnet. Es stellte sich heraus, dass die Damen sich vor der Gründung der Gruppe kaum gekannt hatten und daher war der Gruppe auch die Zuverlässigkeit der einzelnen Damen nicht bekannt. Bei dieser Gruppe konnte man klar erkennen, wie wichtig die Funktion des Local Coordinators ist und dass sie/er diese Aufgaben gewissenhaft ausfüllen muss. Denn der Schwester dieser Gruppe waren die Probleme nicht bekannt und sie hatte den Zerfall der Gruppe nicht bemerkt.

In Kisumu besuchten wir zwei Gruppen, die bei uns einen Antrag gestellt hatten. Die erste Gruppe wollte eine Reinigungsfirma gründen und die andere Gruppe wollte zu besonderen Anlässen Stühle und Tische vermieten. Während die erste Gruppe einen perfekten Businessplan vorgelegt hatte und wir im Rahmen einer Nachkalkulation den Angaben folgen konnten, mussten wir leider der zweiten Gruppe eine Absage erteilen. Diese Gruppe beabsichtigte, Stühle und Tische zu besonderen Anlässen zu vermieten. Nach den vorgelegten Zahlen war sie nicht in der Lage, mit der Vermietung des Equipments wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Da wir diese Gruppe gerne auch fördern wollten – die Frauen machten auf mich einen sehr traditionellen Eindruck – baten wir sie, sich ein neues und wirtschaftlich ausgewogeneres Geschäftsmodell zu überlegen, das dann durch uns geprüft werden würde. Bei der Verabschiedung hat uns eine ältere Dame ganz besonders herzlich gedankt, dass wir sie vor diesem finanziellen Desaster geschützt hätten. Zwischenzeitlich liegt eine neue Businessidee zur Prüfung vor.

Auf dem Weg zu unserem Kongress in Karungu haben wir eine neue Gruppe von Sr. Caroline (nicht zu verwechseln mit unserer Koordinatorin Sr. Carolyn) besucht. Sr. Caroline ist eine sehr dynamische Frau, die meines Erachtens die Gruppe auch sehr gut führt und in Homa Bay sehr gut vernetzt ist. Sie will mit dieser Gruppe auf einem eigenen Grundstück eine kleine Hühnerfarm gründen. Die vorlegten Unterlagen, die örtlichen Gegebenheit, die Dynamik und wirtschaftlichen Kenntnisse von Sr. Caroline sprechen für ein erfolgreiches Projekt.

In Karungu am Viktoria-See hatten wir einen Kongress für unsere alten und neuen Mikrokreditgruppen organisiert. Mit diesem Kongress verfolgen wir die folgenden Ziele:

  1. Die Gruppen sollten sich untereinander kennenlernen und vernetzen.
  2. Es sollte ein Austausch darüber stattfinden, welche Fehler bei den ersten Gruppen aufgetreten sind und wie die neuen Gruppen diese Fehler von Anfang an vermeiden können.
  3. Es sollte den Gruppen die internationale Organisation Hand-in-Hand Eastern Africa bekannt gemacht werden. Diese Organisation wird die neuen Mikrokreditgruppen in den ersten sechs Monaten in Form von Aus- und Weiterbildung begleiten.

Bis zur Eröffnung des Kongresses am späten Nachmittag haben wir uns ein paar „Urlaubsminuten“ gegönnt. Br. Morris zeigte mir die Anlage der Passionisten in Karungu. Sie enthält neben dem Retreatcenter eine kleine Schreinerei mit Möbelherstellung, eine Anlage zur Herstellung von Sonnenblumenöl, eine Bäckerei und eine Landwirtschaft zur Selbstversorgung.

Im Laufe des Nachmittages bis in den späten Abend hinein reisten die Teilnehmer unseres Kongress aus allen Richtungen Kenias an. Von einigen, uns schon aus den Vortagen bekannten Frauen, wurden wir ganz herzlich begrüßt und schon wie gute Freunde behandelt. Auffallend war, dass nach einer netten Begrüßung immer ein kleines Gespräch geführt wird. Selbst wenn ich mal alleine die Wohn- und Betriebsanlage besichtigen wollte, wurde ich sofort von jemandem begrüßt und in ein freundliches Gespräch verwickelt.

Die Vorstellung der Gruppen und der Austausch innerhalb der Gruppen erfolgten noch an dem gleichen Abend. Der nächste Tag war geprägt von den Trainern von Hand-in-Hand Eastern Africa. Sie schulten die Teilnehmer/Innen zu den Themen Marketing, Buchführung und Businessplänen. Die Vorträge waren gut strukturiert und wurden von den Teilnehmern/Innen gut angenommen. Die Trainer haben auf mich einen sehr qualifizierten Eindruck gemacht und wir beschlossen, in unsere Darlehensbedingungen die Teilnahme an diesem Aus- und Fortbildungsprogramm von Hand-in-Hand Eastern Africa aufzunehmen. Dies ist zwischenzeitlich geschehen.

Nach dem Abschluss unseres sehr erfolgreichen Kongresses mussten wir leider wieder die Rückreise nach Nairobi antreten. Denn schon am nächsten Tag in der Nacht ging der Flieger wieder in Richtung Heimat. Nach einer langen Fahrt durch die Landschaft von Kenia erreichten wir gegen Abend wieder Ushirika in Nairobi. Der nächste Tag war geprägt durch verschiedene Feedback-Gespräche und Erledigung von organisatorischen Dingen. Dann wartete auch schon unser Flieger und wir mussten Kenia leider wieder verlassen. Geprägt von vielen neuen Erkenntnissen, Eindrücken, Ideen, Freundschaften und mit einem besseren Verständnis für die Menschen und deren Probleme vor Ort kehrten wir nach Düsseldorf zurück.

Diese Reise hat bei mir dazu geführt, Afrika nicht mehr nur mit den Augen eines Touristen zu sehen, sondern hier die großen Probleme der Menschen vor Ort hautnah zu erleben und besser zu verstehen. Lösungen, die uns einfach erscheinen, brauchen in Afrika einen anderen Zeitrahmen und viele Dinge darf man nicht durch die Brille des Europäers sehen.

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